75 Jahre nach Kriegsende: Familienerbstück kehrt nach Winsen zurück

Eine KZ-Überlebende nahm 1945 eine Taschenuhr mit nach Frankreich. Nun wurde das Erbstück den Eigentümern zurückgegeben.

Happy End nach einer langen Odyssee: Am heutigen Mittwoch übergab der Hannoveraner Historiker Rainer Fröbe im Auftrag der zwischenzeitlich verstorbenen Französin Marie-Antoinette Pappé eine Taschenuhr an die Erben des ehemaligen Eigentümers Heinrich Köhler. Marie-Antoinette Pappé war 1943 im Alter von 23 Jahren wegen Widerstandes gegen die deutschen Besatzer in Frankreich verhaftet und in das KZ Ravensbrück deportiert worden. 1944 überstellte sie die SS zur Zwangsarbeit in das KZ-Außenlager Hannover-Limmer. Von dort aus trieben sie SS-Angehörige zusammen mit ihren Mithäftlingen Anfang April 1945 Richtung Bergen-Belsen. Dass sie den Todesmarsch überlebte, verdankt Marie-Antoinette Pappé dem Winsener Tischler Wilhelm Scheinhardt. Im Durcheinander während eines britischen Luftangriffs rettete er sieben weibliche und zwei männliche Häftlinge vor der SS und versteckte sie bis zur Befreiung durch die Briten in einem Kuhstall.

Nach der Befreiung wurde den KZ-Überlebenden eine Wohnung in Winsen zugewiesen. Zudem wurden sie mit Kleidung versorgt, die die Briten von der Winsener Bevölkerung eingesammelt hatten. Marie-Antoinette Pappé bekam eine Jacke – und fand darin eine Taschenuhr, auf deren Rückseite „Heinr. Köhler, Süd-Winsen“ eingraviert war. Als sie wenig später in ihre französische Heimat zurückkehren konnte, nahm Marie-Antoinette Pappé die Uhr mit. Jahrzehnte später, im hohen Alter, entschied sie sich, die Uhr als Zeichen der deutsch-französischen Versöhnung der Familie Köhler zurückzugeben und erkundigte sich bei Winsens Bürgermeister Dirk Oelmann nach dem Verbleib von Heinrich Köhler. Der Bürgermeister konnte helfen: Heinrich Köhler war zwar bereits 1943 verstorben, doch sein Enkel Herbert lebte noch.

Zwischenzeitlich hatte Frau Pappé die Uhr dem Hannoveraner Historiker Rainer Fröbe übergeben, der sie für ein Forschungsprojekt in Frankreich interviewte und die Uhr nach Deutschland brachte. Doch die Übergabe der Uhr an Herbert Köhler zog sich hin, auch bedingt durch Kommunikationsprobleme zwischen den Beteiligten und wegen der ungeklärten Frage, wie die Uhr und ihre Geschichte der Öffentlichkeit präsentiert werden können – das war ein Wunsch von Frau Pappé gewesen. Die beiden Hauptbeteiligten sind mittlerweile verstorben: Marie-Antoinette Pappé starb 2015, Herbert Köhler 2018.

Nun konnte die Uhr endlich übergeben werden. Vermittelt durch die Münchner Filmemacherin Anna Brass, die über die Geschichte einen Dokumentarfilm dreht, und den Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Jens-Christian Wagner, übergab der Historiker Rainer Fröbe die Uhr am heutigen Mittwoch an Herbert Köhlers Witwe Elke, seinen Sohn Christian Köhler und die Schwiegertochter Grit Hinterding-Köhler. „Endlich hat sich der Wunsch meines Mannes erfüllt“, freute sich Elke Köhler. „Es ist nur sehr schade, dass er das nicht mehr selbst erleben durfte.“

Wegen der zeitgeschichtlichen Bedeutung der Uhr und ihrer Geschichte wird Familie Köhler die Uhr der Gedenkstätte Bergen-Belsen als Dauerleihgabe übergeben. „Die Uhr ist ein wertvolles Exponat. Sie erzählt die Geschichte der Rettung von KZ-Häftlingen während der Todesmärsche im April 1945 – und sie ist ein Symbol für den Versöhnungswillen der KZ-Überlebenden Marie-Antoinette Pappé“, sagt dazu Gedenkstättenleiter Wagner. Die Uhr soll im Rahmen von Sonderausstellungen und später in einer erneuerten Dauerausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und für die Bildungsarbeit eingesetzt werden.